Flying the Hudson – CHECKED

Wenn man den Flugschein macht, eröffnet sich einem plötzlich eine völlig neue Welt. Man meint vielleicht, der Flugschein selbst ist bereits der erstrebenswerteste Eintrag auf der Liste der persönlichen Ziele und lässt sich nur schwer übertreffen. Weit gefehlt! Wer seine Lizenz schließlich in den Händen hält, erkennt schnell, dass noch viele wunderbare Dinge da draußen in der Welt der Allgemeinen Luftfahrt auf ihn warten und beginnt direkt mit der Anfertigung einer neuen Ziele-Liste – die persönliche „Aviation Bucket List“. Und die kann ganz schön lang werden …

Im Frühjahr 2019 fassten meine Kinder, meine Frau und ich den Entschluss, Weihnachten und Silvester in New York City zu verbringen. Insbesondere meine Tochter träumte immer davon, den Weihnachtsbaum am Rockefeller Center aus der Nähe bestaunen zu dürfen und im Central Park Eislaufen zu gehen. Also buchten wir schon sehr früh Flüge und Unterkunft.

Ich selbst sah natürlich auch die große Chance, einen der Punkte auf meiner persönlichen Aviation Bucket List abzuarbeiten: den Hudson River Corridor. Na, wenn man schon mal da ist …

Der Hudson River Corridor – oder wie er offiziell heißt: „New York Class B Airspace Hudson River Exclusion Special Flight Rules Area (SFRA)“ – ist ein ausgesparter Luftraum im streng kontrollierten Gebiet über New York City. Er verläuft genau entlang des Hudson Rivers bis zu einer Höhe von 1.300 ft. Privatflugzeuge können dort ohne ATC-Freigabe den Hudson River entlang fliegen und einen einmaligen Blick auf die Skyline von Manhatten ergattern. Kaum zu glauben, dass es sowas nach 9/11 noch gibt – tut es aber.

Der Hudson River Corridor ist eine Aussparung des kontrollierten Luftraums über New York City.

Diesen Traum – mit dem Privatflugzeug an der Skyline von Manhatten entlang zu fliegen – hegte ich schon seit meiner Ausbildung zum Privatpiloten. Nun sollte er endlich Wirklichkeit werden.

Die ursprüngliche Idee war, dass ich uns ein geeignetes Flugzeug in der Nähe der Stadt chartere und das Abenteuer auf eigene Faust angehe. Die formale Voraussetzung – die Validierung meiner Fluglizenz für die USA – war ja gegeben. Im Vorfeld ein Flugzeug zu chartern, lässt sich im allgemeinen auch gut aus der Ferne organisieren. Einen Haken gab es allerdings. Damit ich die Rechte der Privatpilotenlizenz hätte ausüben dürfen, hätte ich noch ein BFR (ein Biennual Flight Review) – also einen Überprüfungsflug mit einem Fluglehrer durchführen müssen. Dieser ist alle zwei Jahre fällig. Mein letztes BFR war leider schon länger her. Außerdem wäre es nicht verkehrt gewesen, sich so auch nochmal ein wenig in den amerikanischen Flugfunk einzuüben, denn das ist – meiner persönlichen Meinung nach – der schwierigste Teil. Denn auch wie bei uns, hält sich da schließlich nicht jeder hundertprozentig an die Sprechgruppen des Flugfunks und kürzt gerne auch mal im „Slang“ ab. Das wäre nicht wirklich entspannend gewesen, im – üblicherweise hoch frequentierten – Hudson River Corridor (HRC) nur jede zweite Positionsmeldung verstehen zu können. Darüber hinaus besteht ein Vercharterer in der Regel auch auf einen Checkout-Flug, in dem man in einem mehr oder weniger kurzen Flug demonstrieren soll, dass man das Flugzeug auch beherrscht. Auch kein Problem – aber zeitaufwändig und natürlich auch ein Kostenpunkt. Hinzu kam auch noch, dass meine favorisierte Online-Charter-Plattform „OpenAirplane“ kurz vor Weihnachten den Betrieb einstellte.

Dies alles hätte mir also vor Ort vor allem also einiges an Zeit gekostet, in der meine Familie entweder gelangweilt am Flugplatz hätte ausharren oder gar allein New York unsicher machen müssen.

Glücklicherweise ergab sich eine Alternative. In der von mir gegründeten Facebook-Gruppe „Fliegen in den USA“ tummeln sich viele deutschsprachige Piloten, die in den USA fliegen oder geflogen sind. Einige von denen leben sogar in den USA oder sind waschechte Amerikaner – wie Brian. Brian und seine Frau Beckie sind der Gruppe bereits in ihren frühen Stunden beigetreten und hatten sie mit tollen Fotos und Videos von den Flügen mit ihrer Piper PA28 bereichert. Wie der Zufall so will, ist ihre Homebase der Flugplatz „Greenwood Lake“ (4N1). Dieser liegt nur wenige Flugminuten von New York City entfernt.

Der neue Freund der Familie: Brian (erster von Links)

Brian ist wiederum sehr interessiert an Deutschland und der Fliegerei hier. Seine Frau und er sind oft in Deutschland und er spricht auch sehr gut deutsch. So ergab es sich, dass wir in Kontakt blieben und als es soweit war, hat er sich und sein Flugzeug als „Traumerfüller“ zur Verfügung gestellt.

Während unseres Aufenthaltes in New York verabredeten wir uns an einem Tag, an dem auch das Wetter mitspielte. Wir mieteten ein Auto und fuhren in etwa einer Stunde zum Greenwood Lake Airport, der Besuchern schon am Boden direkt einen aussergewöhnlichen Anblick beschert.

Eine ausgemusterte Lockheed Constellation, die in den 70er Jahren in Greenwood Lake ankam, wird heute als Flugschulgebäude genutzt. Ein Video aus dem Jahre 1977 dokumentiert ihre Ankunft.

Brian war schon vor Ort und nahm uns sehr herzlich in Empfang. Er und seine PA28 waren bereits perfekt vorbereitet. Er ist ein guter und sicherer Pilot. Die Checkliste beherrschte er ebenso perfekt wie den Flugfunk und natürlich sein Flugzeug. Er erklärte sich sogar bereit, zweimal zu fliegen, damit meine gesamte Familie in den Genuss des einmaligen Ausblicks auf die New Yorker Skyline kommen konnten. Zu fünft hätten wir schließlich in dem viersitzigen Flugzeug keinen Platz gefunden. Die Flüge selbst dauerten etwa jeweils eine Stunde. Die Sichten waren gut, die Luft ein wenig „bumpy“. „Das ist auf dem Hudson sehr oft der Fall“, meinte Brian.

Mit dem iPhone habe ich versucht, die Impressionen dieses einmaligen Fluges festzuhalten. Das Ergebnis findet sich in diesem kurzen Video:

Nach dem Start in Richtung Osten nahmen wir Kurs auf den Hudson River, den wir bereits nach wenigen Minuten über die bewaldete und bergige Landschaft (der Platz heißt nicht umsonst „Greenwood“) erreichten. Danach ging es gleich in Richtung Süden. Wie in den Special Flight Rules vorgegeben, flogen wir dann die ganze Zeit auf der westlichen Seite des Hudson Rivers. Das Erreichen des ersten vorgeschriebenen Meldepunktes „Alpine Tower“ markierte den Beginn des Korridors. Brian war die ganze Zeit auf der vorgegebenen CTAF-Frequenz, auf der alle Maschinen im HRC ihre Position durchgegeben haben. Hier unterhalten sich nur die Piloten untereinander, kein Controller funkt – im wahrsten Sinne des Wortes – dazwischen. Der Flug führte uns also zweimal an der Skyline von Manhatten vorbei. Denn nachdem wir die Verrazano Bridge, die Staten Island und Brooklyn miteinander verbindet, passierten, drehten wir um und flogen den Hudson entlang nach Norden. Dieses mal blieben wir an der östlichen Seite des Flusses. Während der ganzen Prozedur achtete Brian darauf, im Höhenband zwischen 1.000 und 1.300 ft zu bleiben, was bei der unruhigen Luft nicht ganz so einfach war. Oberhalb der 1.300 ft begann bereits der Luftraum B von New York und unterhalb von 1.000 ft bewegten sich die unzähligen Sightseeing-Helicopter aus Manhatten. Während des Fluges gab Brian die vorgeschriebenen Positionsmeldungen auf der Höhe der verschiedenen Pflichtmeldepunkte durch.

„Piper, Statue of Liberty, 1.200 feet, southbound“

Sehr beeindruckend fand ich auch das Passieren des One World Centers. Immerhin reicht dieses Gebäude bis auf eine Höhe von 1776 ft. Wir mussten also hochschauen, um die Spitze des Gebäudes zu betrachten.

Ich verfolgte den Flug mit Foreflight auf meinem iPad, wobei ich mir die Meldepunkte zuvor als User-Waypoints eingerichtet hatte.

Die Flugplanung in Foreflight

Auf dem ersten Flug mit meiner Tochter und mir war zur leichten Überraschung von Brian, nur wenig los über dem Hudson. Beim zweiten Flug mit meiner Frau und meinem Sohn war das dann schon wieder anders. Meine Frau berichtete, dass die kleinen Maschinen wie an einer Perlenschnur gekettet an der Skyline vorbeiflogen. „Das ist der Normalzustand“, meinte Brian dazu nur.

Der Flug war ein wirklich einmaliges und wunderbares Erlebnis. Zum Abschluss unseres Abenteuers kehrten wir alle dann noch im frisch eröffneten Flugplatz-Restaurant „Smoke Shack BBQ & Burgers“ ein um uns gemeinsam mit Burger und Fries zu stärken. Wir unterhielten uns noch lange mit Brian über den Flug, den Unterschieden über das Fliegen in den USA und Deutschland und vieles mehr.

Brian ist wirklich ein toller Kerl und wir sind sehr froh in getroffen zu haben. Wir haben uns auch gleich für seinen nächsten Aufenthalt in Deutschland verabredet. Ich freue mich darauf, mich bei ihm für dieses tolle Erlebnis revanchieren zu können.

Und ein wenig Stolz kam auch in mir auf. Stolz auf meinem Blog und meine Arbeit, die ich bisher in GermericanPilots gesteckt habe. Ohne das hätte ich Brian niemals getroffen und dieses Abenteuer nicht so ohne weiteres in dieser Form erleben dürfen. Die Mühe hat sich also gelohnt und es spornt mich definitiv an, damit weiter zu machen und es auszubauen. Die persönliche Aviation Bucket List hat schließlich noch ein paar weitere Einträge.

Weitere Informationen zum Hudson River Corridor, der darin geltenden Regeln und wie man sich darauf vorbereiten kann, veröffentliche ich in einem der nächsten Artikel. Wer das nicht verpassen möchte, abonniert am besten meine Facebook-Seite „GermericanPilots„. Ein „Like“ würde mich auch sehr freuen.

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